Leseprobe · Kapitel 1
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Kapitel 1 von 7
Erkennen

Bevor du loslassen kannst, musst du sehen, was dich festhält. Dieser erste Schritt kostet Mut, denn er führt dich an die Stellen deines Lebens, die du lieber meiden würdest. Doch nur was du beim Namen nennst, kannst du eines Tages loslassen.
2. Timotheus 1,7: Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Der Morgen, an dem alles schwer wurde
Es war ein ganz gewöhnlicher Morgen, als Mira zum ersten Mal spürte, dass etwas nicht stimmte. Nicht mit dem Tag, nicht mit den Menschen um sie herum – sondern mit ihr selbst. Sie stand am Fenster, die Tasse in der Hand, und sah hinaus auf den Garten, den ihr Vater einst gepflegt hatte. Und plötzlich war da dieser Druck, dieses alte, vertraute Gefühl, als müsse sie etwas festhalten, was längst nicht mehr ihrer war.
Sie hatte gelernt, früh zu funktionieren. Als Kind hatte sie gelernt, dass Liebe etwas ist, das man sich verdienen muss. Dass man leise sein muss, brav sein muss, nützlich sein muss. Und so hielt sie fest, was sich ihr entzog: die Anerkennung, die Nähe, die Gewissheit, dass sie genügt. Sie hielt so fest, dass ihre Hände schmerzten, ohne dass sie es bemerkte.
An diesem Morgen aber fiel ihr ein Satz ein, den sie irgendwann einmal gelesen hatte: Wer festhält, was gehen will, verliert es doppelt. Einmal, weil es geht. Und einmal, weil er die Zeit des Gehens nicht gelebt hat, sondern nur das Festhalten.
Die Angst unter der Angst
Mira begann zu fragen. Nicht die anderen – sich selbst. Was halte ich fest? Und warum? Und sie entdeckte, dass unter jeder ihrer Sorgen eine ältere Angst lag. Unter der Sorge um die Zukunft lag die Angst, nicht zu genügen. Unter dem Ärger über einen Menschen lag die Angst, verlassen zu werden. Unter dem Perfektionismus lag die Angst, nicht geliebt zu werden, wenn man einmal schwach ist.
Das war kein angenehmer Ort. Aber es war ein ehrlicher. Und Mira spürte zum ersten Mal, dass diese Angst nicht die Wahrheit ist, sondern nur eine alte Stimme, die sie für die Wahrheit gehalten hatte. Eine Stimme, die gesagt hatte: Du musst festhalten, sonst verlierst du alles. Und nun, da sie lauschte, klang diese Stimme müde. Wie jemand, der lange gerufen hat und selbst nicht mehr glaubt, was er ruft.
Der erste Blick nach oben
Am Abend setzte sich Mira an den Tisch, an dem schon ihr Großvater gesessen hatte, und schlug das Buch auf, das ihr jemand geschenkt hatte. Sie las den Satz: Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben. Und sie weinte, leise, ohne Grund und mit allem Grund. Denn sie verstand plötzlich: Die Angst, die sie so lange begleitet hatte, war nicht ihr tiefstes Wesen. Sie war nur ein Gast, der zu lange geblieben war.
Und an diesem Abend betete sie zum ersten Mal nicht, dass Gott die Angst wegnehmen möge. Sondern dass er ihr helfe, sie zu sehen. Genau zu sehen. Ohne Beschönigung, ohne Flucht. Denn was man gesehen hat, kann man eines Tages loslassen. Was man verdrängt, trägt man weiter.